03/11/2016

Es ist nicht das, wonach es aussieht

Mittwochnachmittag. Stehe in der Lingerie-Abteilung eines großen Textilkaufhauses und fotografiere Mädchenunterhosen. Wobei, so ein Satz lappt womöglich ins Missverständliche.

Tatsächlich brauchte ich T-Shirts. Daher bat mich die Tochter doch gleich auf dem Weg auch ein paar Unterhosen für sie zu besorgen. Im riesigen Dessous- und Wäschebereich des gewiss eher an ein jugendliches Publikum ausgerichteten Discounters fand ich es jedoch reichlich unübersichtlich. Da ich mittlerweile weiß, wie schnell man was verkehrt macht, habe ich also die Tochter noch einmal angerufen. Um auf Nummer Sicher zu gehen. Die wiederum meinte, ich solle doch einfach schnell die verschiedenen, infrage kommenden Unterhosen fotografieren, ihr die Bilder schicken und dann könne sie auswählen.
Also steht nun in diesem riesigen, hippen Jugendlichen-Modekaufhaus inmitten hunderter junger Mädchen ein einzelner mittelalter, untersetzter, kahlköpfiger Mann und schwenkt Mädchenunterhosen. In ein irgendwie günstiges Licht. Betrachtet sie. Um sie dann zu fotografieren. Und denkt sich… -nichts dabei.
Eine Verkäuferin spricht mich an:
„Entschuldigung, was machen Sie denn da?“
Aus irgendeinem Grunde erschrecke ich mich. Habe, warum auch immer, ein schlechtes Gewissen. Versuche mich daher, einem schwachsinnigen Reflex folgend, hinter der purpurfarbenen Mädchenunterhose in meiner Hand zu verstecken. Wer heutige Mädchenunterhosen und die Größe meines Kopfes kennt, wird sich denken können: Das gelingt nur höchst unzureichend. Und tatsächlich: Die Verkäuferin kann mich immernoch sehen. Sie wiederholt ihre Frage:
„Was machen Sie denn da?
-Es ist nicht das, wonach es aussieht.
-Nein?
-Nein. Gar nicht.
-Ach. Dann stehen Sie also nicht hier in unserer Lingerie-Abteilung und fotografieren Mädchenunterhosen?
-Nein. Das heisst doch. Also schon einerseits, aber… weiß nicht.
-Sie wissen nicht, ob Sie Mädchenunterhosen fotografieren?
-Doch, das schon, aber es ist nicht das, was sie denken.“
Sie überlegt. Eine ganze Weile, sagt schliesslich:
„Sie Schwein!“
Wehre ab. „Moment, das ist ungerecht. Ich sagte doch, es wäre nicht das, was Sie denken.“
Sie nickt.
„Eben. Ich dachte, wahrscheinlich fotografiert er die Unterhosen, um so seine Tochter per Telefon zu fragen, welche er kaufen soll. Aber da es ja nicht das ist, was ich denke, sind Sie offensichtlich doch ein Schwein.“

-Fortsetzung folgt beim Einlesen des Hörbuchs oder im Januar im neuen Geschichtenband-

By evers | Published in: Dies und das

2 Comments

  • overlay5

    MN (Name der Redaktion bekannt) - 17/11/2016

    Deja vu! Fast exakt so hat es sich abgespielt. Bloss habe ich in meiner völligen Naivität dazu noch eine dem Laden entsprechend aussehende und sehr junge Verkäuferin zu den Größen interviewed – bei der Körbchengröße angelangt war ich entgültig verloren und musste den Laden schliesslich verlassen…

  • overlay5

    Evelyn - 18/02/2017

    ich glaube den Namen auch zu kennen

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