Geschichten

Letzte Sätze (11-1-2013)

Von einigen berühmten oder auch nicht so berühmten Menschen wird behauptet, man kenne die letzten Worte, die sie vor ihrem Tode gesagt haben. Goethes „Mehr Licht“, Archimedes‘ „Störe meine Kreise nicht!“ oder der schöne, alte Witz über den letzten Satz eines Fluggastes: „Guck mal, ich kann mit meinem Handy, die Landeklappen fernsteuern!“ haben schon viele Menschen zum Nachdenken angeregt.
Humphrie Bogart soll als allerletztes tatsächlich gesagt haben: „Ich hätte nicht von Scotch zu Martini wechseln sollen.“, während Bertold Brecht mit einem sympathischen: „Laßt mich in Ruhe.“ abgetreten ist. Nur so mittelmäßig einfallsreich war wohl Luis Bunuel, der gesagt haben soll: „Ich sterbe.“, womit er natürlich zwar recht hatte, andrerseits aber auch ein bisschen als Klugscheisser das Diesseits verlassen hat.
2011 habe ich sogar bei der Berlinale einen zweieinhalbstündigen ungarischen Film gesehen, der praktisch nur um den letzten Satz von Friedrich Nietzsche ging. Also quasi. 1889 ist Nietzsche in Paris vors Haus gegangen, hat einen Kutscher gesehen, der auf sein Pferd eindrosch, sich schützend vor das Pferd gestellt und ist dann von einer Sekunde auf die andere in eine Art Wachkoma gefallen. 10 Tage später hat der Philosoph wohl noch einmal einen hellen Moment gehabt und seinen berühmten letzten Satz gesagt: „Mutter, ich bin dumm.“ Hernach verbrachte er seine letzten Jahre schweigend in Demenz. Das alles ist bekannt. Der Film geht allerdings der sehr interessanten Frage nach: „Was ist eigentlich mit dem Pferd passiert? Wie ist es dem weiter ergangen?“
Einen solchen Ansatz finde ich immer lobenswert. Auch mal die andere Seite zu betrachten. Also bei Bergsteigerfilmen zum Beispiel nicht nur von den Dramen und Tragödien der abgestürzten Bergsteiger zu erzählen, sondern auch mal zu überlegen, wie sich eigentlich der Berg damit fühlt, wenn da ständig Menschen von ihm runterfallen…
…meine Freundin zumindest beherrscht diesen etwas weiteren Blick. Kürzlich, als ich wegen einer mittleren Fischvergiftung schwer leidend über der Kloschlüssel hing, hat sie tatsächlich nur gesagt: „Oje, der arme Fisch.“
Im Berlinalefilm passiert dann übrigens zweieinhalb Stunden lang quasi nichts. Klingt seltsam, ist aber großes Kino und gibt mal einen schönen Eindruck über die Gedankenwelt von Pferden…
…in jedem Falle habe ich mir jetzt auch einen letzten Satz für mich überlegt. Dieser Satz ist hervorragend: Philosophisch, humorvoll und absolut geeignet mich für immer als aber ganz schön intelligent, selbst und gerade im Sterben in Erinnerung zu halten.
Mein Problem ist nur: Wie kann ich sicher sein, dass ich ihn auch kurz vor meinem Tod sage. Ich meine, in solchen Situationen, also wenn man gerade stirbt, ist man doch oft mit seinen Gedanken ganz woanders. Werde ich mich da an meinen letzten Satz erinnern? Was, wenn ich sozusagen meinen Text vergesse? Wäre ja nicht das erste Mal.
Zudem gibt es das Problem, daß ich den Satz natürlich nicht schon vorher sagen darf. Dann wäre es ja eben nicht mehr mein letzter Satz. Meine unsterblichen, großen, finalen Worte.
Der naheliegendste Gedanke erscheint mir deshalb, das Sterben einfach einmal vorher zu proben. Komplett mit Regie, anderen Schauspielern und Textbuch. Ist aber auch irgendwie schwierig, weil den Satz darf ich ja trotzdem nicht sagen. Außerdem wird es wahrscheinlich schwer den Schauspielern und dem Regisseur zu erklären, was wir da eigentlich proben. Also zumindest ohne hinterher als recht verschroben zu gelten.
Ich habe noch keine Ahnung, wie ich dieses Problem lösen soll. Womöglich geht es mir am Ende so wie Pancho Villa, dem mexikanischen Freiheitskämpfer. Der soll als letzten Satz zu einem Journalisten gesagt haben: „Oh je, das geht zu schnell, bitte schreiben Sie, dass ich etwas gesagt hätte.“
Wobei man, meiner Meinung nach, nun sehr darüber streiten kann, ob ihm dieser Journalist mit dieser Überlieferung jetzt seinen letzten Wunsch erfüllt hat oder doch eher gerade eben nicht.

Horsta Concordia (15-10-2013)

Dienstagnacht. Liege auf dem Sofa und schaue im Fernsehn der Bergung der Costa Concordia zu. Das zieht sich.
Bin völlig kaputt. Sollte eigentlich längst ins Bett gegangen sein, aber schaffe es einfach nicht aufzustehn. Zu müde zum ins Bett gehen. Boarhh, bin ich kaputt. Schaue wieder zur Costa Concordia. So aus dieser Perspektive, also von der Seite her im Liegen betrachtet, sehen wir uns erschütternd ähnlich. Wer uns beiden wohl als Erstes wieder aufgerichtet ist? Das könnte ein ganz enges Rennen werden.
Wobei, ein fairer Wettbewerb ist das nicht. Die Costa Concordia hat schliesslich ein Riesenteam von Ingenieuren, Mathematikern und anderen Spezialisten. Seit über einem Jahr machen die nichts anderes als das Drehen des Schiffes vorzubereiten. Alles ist berechnet, nichts dem Zufall überlassen. Man hat nur eine Chance!
Ich dagegen… habe mir alles selbst beigebracht, bin ein Aufstehautodidakt, der ohne Spezialisten und wissenschaftliche Berechnungen, das sich Hochhieven irgendwie improvisieren muss. Dabei habe auch ich nur eine Chance. Wenn ich quasi nur halbaufgerichtet aufs Sofa zurückfalle, werde ich wahrscheinlich sofort einschlafen. Mit praktisch unfkalkulierbaren Folgen, ja Gefahren für das gesamte Umfeld, den nächsten Tag und meinen Rücken. Im Falle einer Sofa-Havarie der Horsta Eversoria ist das gesamte Ökosystem Fernsehcouch bedroht. Nachhaltig.
Ein Jahr Vorbereitung zur Aufrichtung der Costa Concordia und ich versuche das gerade mal seit ein oder zwei Stunden.
Es gibt ja Leute, die behaupten, der ganze Aufwand, der bei sowas, wie der Bergung der Costa Concordia mittlerweile betrieben wird, sei völlig übertrieben. Ich kenne einen Hobbybauern aus Brandenburg, der meint: „Vor 60 Jahren, also in den 50ern, hätte man einfach zu den umliegenden Altmetallhändlern gesagt: Nehmt Euch, was Ihr brauchen könnt und nach zwei, drei Wochen wäre das ganze Wrack weggewesen.“
Gut, rein umwelttechnisch wäre das zwar wahrscheinlich ne ziemlich Sauerei geworden, aber andrerseits war die Umwelt in den 50er Jahren ja quasi noch gar nicht erfunden.
Die Hochgeschwindigkeitsstrecke der Bahn zwischen Hannover und Berlin ist seit vier Monaten gesperrt. Weil das Hochwasser zuviel Schotter aus dem Gleisbett gespült hat. Verstehe nicht, warum es so kompliziert ist, Schotter aufzufüllen. Ein Sprecher der Bahn meinte neulich, „Die Sache sei sehr, sehr viel verzwickter als sie klinge.“
Das glaube ich sofort, weil klingt ja erstmal…egal.
Dann meinte er aber auch: „Man müsse und wolle auch die natürlichen Kreisläufe berücksichtigen.“ Das hat mich beunruhigt. Natürliche Kreisläufe? Heisst das womöglich, die warten jetzt bis zum nächsten Hochwasser? In der Hoffnung, daß dann zufällig angespülter Schotter aus Tschechien oder so, die Gleisbetten von selbst wieder auffüllt?
Die Costa Concordia hat mittlerweile wieder 12 Zentimeter geschafft. Ich dagegen stagniere. Gut, da ich mir keine externen Ingenieure für mein Aufstehen leisten kann, muß ich einen anderen Plan entwickeln. Italiener und Engländer machen es mit Technik und Milliarden Bergungskosten, aber hier auf dem Sofa liegt ja quasi Deutschland, also das Land der Ideen. das bin ich, also eben quasi.
Greife mir die mittlerweile zimmerwarme Halbliterflasche Bier und stürze sie zügig runter. Das sollte dafür sorgen, daß ich in Kürze sehr dringend auf Toilette muß, was ja als Aufstehmotivation praktisch unübertroffen ist.
Eine halbe Stunde später ist es soweit. Wuchte mich hoch und schleppe mich zur Toilette. Ha, durch Genie und entschlossenes Handeln konnte ich eine Katastrophe, also das Einschlafen auf dem Sofa verhindern. Leistung hat sich doch mal wieder gelohnt. Bin stolz. Schlafe dann 5 Minuten später auf der Toilette ein. Naja.

Aschenputtel de Luxe (13. 8. 2013)

Schuhmacher, die heute noch richtig edle, elegante, perfekt sitzende, angenehme Massschuhe aus feinsten Materialien anfertigen, stellen praktisch immer nur Herrenschuhe her. Ich finde das seltsam. Immerhin investieren Frauen nachweislich ungeheuer viel Energie, Geld, Herzblut und vor allem Lebenszeit, (sowohl eigene, als auch die von anderen), in die ewige Suche nach dem perfekten Schuh. Dennoch kommt offensichtlich so ziemlich keine von ihnen auf die Idee, einfach mal zum Schuster zu gehen und sich ihren Traumschuh schlicht massanfertigen zu lassen.
Zudem gibt es unter den klassischen Schuhmachern auch nur ganz, ganz wenige Frauen. Wenn Frauen in dieses Gewerbe der Lederverarbeitung gehen, machen sie praktisch immer Schmuck, Taschen oder Accessoires. Schuhe so gut wie nie.
Nachdem ich meiner guten Freundin Julia vor kurzem diese Beobachtung schilderte, zuckte sie nur mit den Schultern. Sie fände das logisch. Sie würde sich selbst auch auf gar keinen Fall als Kundin für Massschuhe haben wollen. Denn, so erklärte sie mir, Frauen hätten zwar eine ganz genaue, exakte Vorstellung von ihrem Traumschuh. Könnten diese aber auf keinen Fall beschreiben , zeichnen oder auch nur skizzieren.
Das stelle ich mir kompliziert vor. Die Frauen haben also eine gewaltige, machtvolle, tief innewohnende Sehnsucht. Was genau diese Sehnsucht allerdings ist, wird vor ihnen geheimgehalten. Trotzdem sind sie dazu verdammt, nach der Erfüllung, also dem Traumschuh zu suchen. Wahrlich kein weiches Brot.
Immer wieder gäbe es Momente der Hoffnung, meinte Julia weiter, aber dann zeige sich doch stets, daß auch die nächste Schuhhoffnung wieder an verschiedenen Stellen drückt. Letztlich sei dies vergleichbar mit der Suche nach Männern. Wo man auch immer wieder hofft, etwas passendes gefunden zu haben, aber die richtig schlimmen Stellen, wo es drückt, erst merke, wenn man mal eine längere Strecke mit ihnen gelaufen ist. Im übertragenem Sinne.
Manche suchen daher ein Leben lang. Andere hoffen, daß der Mann sich durch längeres Tragen irgendwie einläuft. Und wieder andere suchen sich einfach letzten Endes jemanden, wo sie an den Stellen, wo es besonders schlimm drückt, bereits eine gewisse Hornhaut entwickelt haben.
Aber die Sehnsucht bleibe. Immer, quasi unstillbar. In der Schuhpsychologie spricht man daher vom sogenannten Aschenputtelsyndrom. Der ewigen Suche nach dem Prinzen, der auch noch den richtigen Schuh für einen habe. Einen solchen Prinzen gibt es aber natürlich nur im Märchen. Diese traurige Wahrheit zu realisieren sei für Frauen die schwierigste emotionale Prüfung zwischen Pubertät und Wechseljahren.
Julia ist daher ohnehin der Meinung, es gäbe eigentlich nur zwei Sorten Frauen auf dieser Welt. Die mit dem richtigen Schuh und die mit dem richtigen Mann. Beides geht nicht. Maximal gäbe es Graubrereiche. Oder auch Verhandlungsmasse zwischen Schuh und Mann.
Im weiteren bedeutet dies aber laut Julia auch: Eine Frau, die die Hoffnung einen besseren Schuh zu finden, irgendwann aus welchen Gründen auch immer aufgibt, wird sich dann als Trost oder als Übersprungshandlung zumindest einen besseren Mann suchen. Mit anderen Worten, in dem Moment, wo eine Frau in völlig normalen Tempo, ohne gewichtigen Grund an mehreren Schuhgeschäften interesse- und achtlos vorbeiläuft, ja nicht einmal in die Schaufenster schaut, da wird es definitiv Herbst in der Beziehung. Da ist höchste Vorsicht geboten! Deshalb, so beschloss Julia mit charmantem Lächeln ihre Ausführungen, ist der Schuhkauf bei Frauen auch immer so etwas wie ein Treuebekenntnis, eine Art Liebeserklärung an den Mann.
Ich weiß nicht, wie vielen Männern Julia diese ihre Schuhlogik schon erklärt hat. In jedem Falle hat sie wirklich sehr viele, sehr schöne Schuhe.

Wann guckt man? (6. 11. 2012)

Ich habe zu meinem Geburtstag eine elektrische Zahnbürste geschenkt bekommen. Ich hatte vorher noch nie eine elektrische Zahnbürste benutzt. Ich persönlich wäre ja gar nicht auf die Idee gekommen, elektrische Zahnbürsten überhaupt auch nur zu erfinden. Ich fand es noch nie besonders anstrengend für Hand oder Handgelenk, die Zähne zu putzen. Das war überhaupt keine schwere Arbeit, wo ich heute froh bin, daß eine Maschine sie mir abnimmt. Müll runtertragen finde ich viel schwerer. Das wäre eine Erleichterung, wenn mal jemand einen elektrischen Mülleimer erfinden würde, der selbst ständig in den Hof runtergeht und sich ausleert. Oder besser noch gleich bis zur Deponie, dann könnte er auch die Batterien mitnehmen und auf dem Rückweg Zeitung und Brötchen besorgen. Warum bekomme ich nie mal sowas geschenkt?
Wobei, wahrscheinlich wäre es mir auch wieder gar nicht so recht, wenn der Mülleimer die Brötchen mitbringen würde. Is ja doch unappetitlich. Es sei denn der Mülleimer wäre reinlich, würde sich selbstständig waschen, sauber halten, alles quasi hygienisch tiptop. Das wäre super, dann könnte der auch einkaufen gehen. Und wenn der dann noch das zusätzliche Board im Badezimmer anschrauben könnte, was wir jetzt plötzlich brauchen, damit ich da meine völlig unnütze neue elektrische Zahnbürste hinstellen kann… Dann könnten wir mal darüber reden, ob das jetzt tatsächlich eine Erfindung ist, die auch mein Leben substanziell verbessert.
Andrerseits, wenn es das wirklich gäbe, also laufende Mülleimer, die sich selbst runterbringen und leeren, sich sauberhalten, waschen und pflegen, Einkäufe erledigen und kleinere Handwerksarbeiten in der Wohnung übernehmen. Welche Frau würde dann überhaupt noch mit einem Mann zusammenleben wollen und warum?
Wahrscheinlich ist das der einzige Grund, weshalb noch keine laufenden, sich selbst leerenden, sauberen Mülleimer erfunden wurden. Weil die Männer sonst in unserer Gesellschaft massiv an Bedeutung verlieren würden.So gesehen nur logisch und vermutlich ist das dann auch der Grund, weshalb noch niemand ein Gerät erfunden hat, das nachts schnarcht und tagsüber ohne System getragene Socken und sonstige Wäsche über die Fußböden der Wohnung verteilt.
Man sollte also schon aufpassen, daß man sich nicht irgendwann mit dem technologischen Fortschritt selbst überflüssig macht. Sonst heißt es plötzlich: „Nein, wir brauchen hier niemanden mehr, der den ganzen tag am Schreibtisch oder auf dem Sofa sitzt, behauptet er würde schreiben und zwischendrin immer mal wieder wegdöst. Da haben wir jetzt eine Maschine für!“ Und dann guckt man nämlich.

Altersvorsorge in Gütersloh (5. 9. 2012)

Am frühen Abend vor einem Lokal in der Nähe des Bahnhofs von Gütersloh. Zwei Männer sitzen draussen an einem Tischchen. Der eine trinkt Bier, der andere redet.
-Mir will einfach nicht in den Kopf, wieso Du jeden Abend hier noch unbedingt ein Bier trinken musst. Das ist doch nicht gut.
Der andere verzieht keine Miene, spricht aber trotzdem.
-Ein Bier schadet nicht.
-Jaa, aber es nützt auch nichts. Und außerdem, jetzt rechne mal nach. Jeden Abend trinkst Du hier ein Bier für 2 Euro. Das sind im Jahr 730 Euro. Jetzt lass mal 30 Jahre weitergucken. Dann wären das, Moment, 21900 Euro. Hübsche Summe. Jetzt stell Dir mal vor, Du würdest statt dem Bier, jeden Abend 2 Euro in die Büchse werfen, dann hättest Du in dreissig Jahren 21900 Euro. Wär das nicht was?
Der andere schüttelt den Kopf.
-Wer weiß denn was in 30 Jahren ist. Außerdem wär mir das zu riskant.
-Was?
-Na, das Geld sparen, statt trinken, wär mir zu riskant.
-Was ist denn daran riskant?
-Jetzt stell Dir mal vor, ich trinke die 30 Jahre und stelle dann fest: Ah, Mist, hätte doch lieber sparen sollen, hätte jetzt doch lieber die 21900 Euro. Dann kann ich das vielleicht noch gutmachen, also kann mir diese 21900 Euro auch anderweitig besorgen. Wäre nicht einfach, aber das ginge vielleicht. Irgendwie. So, aber jetzt denk mal, ich hätte die ganze Zeit gespart und in 30 Jahren merke ich: Ahh, ich hätte doch lieber getrunken! Die ganze Zeit lieber getrunken! Wie soll ich das je wieder aufholen? Jeden Tag einen halben Liter. 30 Jahre lang. Das wären rund 5400 Liter Bier. Das schafft man doch gar nicht! Und wenn doch, käme ich ja zu nichts anderem mehr. Den ganzen Rest meines Lebens müsste ich praktisch ununterbrochen Bier trinken. Was für ein Stress. Das macht doch irgendwann gar keinen Spass mehr. Nein, so stelle ich mir meinen Lebensabend nicht vor. Nur trinken, trinken, trinken. Da arbeite ich jetzt lieber in Ruhe vor, damit es mir im Alter mal besser geht und ich nur soviel trinken muss, wie man auch schaffen kann.
Der andere nickt.
-Verstehe. dann ist dieses Bier, das Du hier jeden Abend trinkst, für dich auch so eine Art Altersvorsorge?
-Ganz genau. Meine Altersvorsorge hat viele Säulen. Und dieses Bier jeden Abend ist sicherlich eine der Wichtigsten. Noch wichtiger, als diese ganze Sparerei ist nämlich das man auch immer gute und schöne Sachen macht, weil wer davon zuwenig auf die hohe Kante legt, schafft das im Alter…
Der Rest seines Satzes geht leider in einem gewaltigen Rülpser unter. Sein Freund hat ihn aber wohl trotzdem verstanden.
Ich bin mir nicht sicher, ob vor einem Bahnhofslokal in Gütersloh sitzen nun wirklich ein wichtiges, unvergessliches Erlebnis ist, von dem man im Alter noch lange zehren kann, aber trotzdem habe ich in den letzten Jahren von verschiedenen Finanzfirmen sehr, sehr viel unseriösere Vorsorgemodelle gesehen und auch angeboten bekommen. Zahle drinnen mein Essen und bringe den beiden auf dem Rückweg zwei frische Bier mit.
-Hier! Schonmal eine Bonusauszahlung aus ihrem Rentenfonds.
Die beiden sind sehr zufrieden. ich glaube nicht, daß sie ihre Kasse nochmal wechseln werden. Warum auch?

Die Nazimeerschweinchen (16. 8. 2012)

Als ich kürzlich in alten, also sehr alten Notizen geblättert habe, stiess ich auf Entwurf für einen Roman oder Film den ich wohl mit 16 oder 17 Jahren angefertigt habe.
Im Groben geht es da um eine Gruppe von Neonazis, die irgendwie so auf die Esoterikschiene geraten sind und nach Indien reisen. Dort erlangen sie Geheimwissen und finden heraus, dass die Seelen von Hitler, Goebbels, Göring und Himmler in den Körpern von Meerschweinchen wiedergeboren wurden. Also aktuell, vorher hatten die natürlich schon jede Menge andere Lebensformen durchlaufen, aber aktuell sind die vier eben Meerschweinchen. Tatsächlich finden sie dann auch die Nazitiere und ein bißchen kann man die natürlich auch am Äußeren erkennen. Also das Hitlermeerschweinchen hat schon so ein bißchen so einen Bart und quiekt auch so abgehackt bellend. Goebbels ist klein und zieht ein Bein ein bißchen nach und die Schweine Himmler und Göring sind einfach furchtbar dick und strecken immer die rechte Vorderpfote aus.
Die jungen Rechtsradikalen machen dann die Nazi-Meerschweinchen zu ihren Chefs und wollen unter ihrer Führung die Weltherrschaft erringen, der israelische und amerikanische Geheimdienst bekämpft die Meerschweinchen, will sie gefangen nehmen und vor ein Gericht stellen, auf der Gegenseite treten dann auch noch Tierschützer auf den Plan, es entbrennt eine ethische Diskussion darüber, ob Tiere immer geschützt werden sollten, selbst wenn sie nachweislich Nazis sind.
Der Film ist damals nicht realisiert worden. Vor allem, weil kein Tiertrainer in der Lage war, aus einem Meerschweinchen einen einigermaßen glaubwürdigen Hitlerdarsteller zu machen. Das Konzept des Antisemitismus und Rechtsradikalen ist Meerschweinchen einfach von Grund auf fremd. Man kann da praktisch gar nichts machen. Heute jedoch, mit den modernen Möglichkeiten der Computeranimation könnte man das Nazisein auf die Meerschweinchen quasi einfach draufrechnen lassen. Falls also ein einflussreicher Filmemacher dies zufällig liest und Interesse hat. Ich wäre bereit das Drehbuch nochmals aufzufrischen.

Tricks für den Frühling (22-02-2012)

Manche Dinge hört man nicht gern. Wie ich, der ich neulich hören musste, der Mel Gibson, der sei ja fast 20 Jahre älter als ich und was der doch für einen tollen Körper hätte! Wie straff und durchtrainiert! Und dann jetzt ich im Vergleich!
Dabei kann man das doch gar nicht vergleichen! Das weiß man doch noch gar nicht, was für einen Körper ich in fast 20 Jahren habe. Vielleicht ist der dann sogar noch fitter und durchtrainierter, als der von Mel Gibson, der alten Schabracke. Außerdem, wer weiß, wie der das angestellt hat?
Ich habe kürzlich gelesen, wenn man sich das Fett absaugen lassen würden, also jetzt beispielsweise am Bauch, sich das Fett mit samt der Fettzellen absaugen lassen würde, dass es dann, wenn man normal weiterlebte, innerhalb kurzer Zeit zurückkäme. Aber eben nicht am Bauch, da es dort ja keine Fettzellen mehr gäbe, sondern eben am Hintern, am Hals oder an den Waden.
Fand ich faszinierend, diese Vorstellung. Das Fett findet einen Weg. Wenn das wirklich so ist, müsste es aber eigentlich auch anders herum funktionieren.
Also wenn man sich an irgendeiner Stelle des Körpers ganz, ganz viele Fettzellen spritzen oder anoperieren lassen würde, müssten diese dann ja umgekehrt auch Fett aus dem restlichen Körper abziehen können. Also man knallt eine Stelle des Körpers bis oben hin voll mit Fettzellen, so dass diese, weil sie gefüllt werden wollen, sich das Fett aus dem restlichen Körper holen müssen, wodurch der dann natürlich ganz straff und durchtrainiert ist.
Die einzige Frage wäre, welche Stelle würde sich am ehesten eignen, um das gesamte überschüssige Fett des Körpers zu sammeln. Möglichst unauffällig. Direkt oben auf dem Kopf könnte man es dann unter einer riesigen Mütze verstecken. An den Oberarmen dagegen könnte man es mithilfe eines geschickten Oberarmkorsetts wie Muskelberge aussehen lassen.
Oder man setzt die ganzen Fettzellen einfach alle auf die Füße. Dann müßte man sich aber selbstverständlich auch entsprechend große Sportschuhe anfertigen lassen, z. B. Clownsschuhe.
Gehen wäre dann natürlich schwierig. Für weitere Strecken müßte man sich eventuell so einen elektrischen Stehroller besorgen, wie diese Dinger mit denen jetzt häufig Stadtführungen gemacht werden.
Das ist dann zwar nicht sehr gesund, weil man sich ja gar nicht mehr richtig selbst bewegt, aber andererseits auch egal, weil das ganze Fett sowieso in die Füße geht. Müßte funktionieren.
Also ich zumindest schaue, seit mir diese Zusammenhänge klar geworden sind, bei besonders gutaussehenden, durchtrainierten Leuten immer als erstes auf die Füße und muss sagen, jetzt Mel Gibson zum Beispiel, ich meine früher hat der nicht so große Füße gehabt.

Zukunftsfragmente (8. 11. 2011)

Die Zukunft. Wie wird sie aussehen? Was wird uns erwarten? Wie werden wir in 30 Jahren leben, reisen und sprechen? Folgende fragmentarische Aufzeichnungen aus dem Jahr 2042 vermitteln uns einen ersten Eindruck über das mobile Leben und unsere Kommunikationsmöglichkeiten der Zukunft.

Fragment 27 – Sprachrechte
Als Griechenland, Italien und die USA in der zweiten Hälfte des Jahres 2012 keine andere Möglichkeit mehr sahen, der gigantischen Staatsverschuldung Herr zu werden, fassten sie in ihrer Not einen folgenschweren Entschluss. Sie verkauften die Rechte an ihren Sprachen. Der scheinbare Erfolg dieser Maßnahme und die anfängliche Zurückhaltung der neuen Spracheigentümer veranlassten die Regierungen zunächst einiger und schliesslich aller anderen Länder, es ihnen nach zu tun und die Rechte an ihren Sprachen an Großkonzerne oder Banken zu verkaufen.
Nach wenigen Jahren waren sämtliche Sprachen dieser Erde in Privatbesitz. Nun gab es allerdings für die neuen Spracheigentümer kein Halten mehr. In Windeseile explodierten weltweit die Gebühren für das Benutzen von Sprache. Bald schon konnten sich nur noch sehr wenige Menschen ein paar Sätze in beispielsweise Oxford-Englisch leisten. Windige Spekulanten trieben die Preise für Sprache an den Börsen dieser Welt in die Höhe, und immer wieder gab es Crashs, durch die eine Sprache nach der anderen pleite ging.
Kaum jemand kann sich heute mehr eine komplette Sprache leisten. Mehr als die Hälfte der Weltbevölkerung spricht mittlerweile bayrisch, da dies die mit Abstand billigste Sprache auf dem Weltsprachenmarkt ist. Und seit aufgrund des Druckes der Sprachmultis das Recht auf eine Verständigungsmöglichkeit aus dem Weltmenschenrechtskatalog entfernt wurde, kann sich knapp ein Drittel der Weltbevölkerung nicht einmal mehr bayrisch leisten.
Natürlich gibt es auch überall auf der Welt Menschen, die einfach schwarz reden. Zudem hört man immer wieder von illegalen Küchenzirkeln, die sich dort an wahren Quatschorgien berauschen. Vielen Menschen gefällt aber auch die grundsätzliche Stille, die durch die teuren Sprachtarife jetzt zumeist in den Städten herrscht und wer denn doch einfach nicht aufs legale reden verzichten möchte, für den gibt es ja immernoch die relativ kostengünstigen Lalltarife zwischen 2.00 und 5.00 Uhr nachts.

Das Tuten (25. 10. 2011)

Donnerstagnacht 4Uhr 20. Es tutet in der Wohnung. Aber ein Tuten, dass ich so gar nicht kenne und in großem Abstand. Bestimmt eine Minute zwischen den einzelnen Tutern.
Das Handy? Das überrascht mich ja immer noch mal wieder mit neuen Alarmtönen. War schon oft überrascht, wieviele Geräuschideen mein Handy so hat. Vielleicht hat das Kind ja nochmal eine Neue entdeckt und direkt eingestellt. Auf 4 Uhr 20. Einfach nur um zu zeigen, wie viel besser als ich, es mit meinem Handy umgehen kann. Aber nein, das Handy liegt einigermaßen entspannt vorm Bett, während es von irgendwo anders her tutet.
Das Handy der Freundin? Auch nicht. Der Wecker? Nee. Der Computer? Alles nicht.

Donnerstagnacht 4Uhr 25. Es tutet in der Wohnung. Gehe im Kopf die möglichen Ursachen für dieses Tuten durch. Es ist erschütternd, wieviele Geräte wir in der Wohnung haben, denen ich im Prinzip ein nächtliches Tuten zutrauen würde. Drucker, Fernseher, Musikanlage, Kaffeemaschine, Tuner, Waschmaschine, Digitalkamera…

4Uhr30. Es tutet in der Wohnung. Laufe durch die Wohnung, gehe alle meine Geräte mit Tuutpotenzial ab. Aber nichts, alle diese Geräte verhalten sich ruhig. Verdammt. Die Freundin ist wach geworden. Sie brüllt, warum in Gottes Namen ich denn bitte um die Uhrzeit in der Wohnung rumrenne? Sie sei davon aufgewacht. Und ich soll gefälligst mit dem Tuten aufhören.

4Uhr 40: Laufe jetzt gemeinsam mit der Freundin durch die Wohnung und suche das Tuten. Das Kind wacht auf. Fragt, warum wir noch wach sind, ob wir wieder heimlich Gruselfilme gucken? Wir schicken sie zurück ins Bett. Die Tochter geht, fragt aber noch, ob es eigentlich brenne, weil ja die Rauchmelder die ganze Zeit tuten.

Die Rauchmelder, vor drei Jahren waren die im Angebot, deshalb haben wir da für alle Zimmer welche gekauft und installiert. Und deshalb gehen jetzt praktisch gleichzeitig in einer Nacht alle Batterien leer. Darum machen die jetzt einen Warntuut, alle zwei Minuten. Natürlich sind keine Ersatzbatterien da.

Werde morgen neue besorgen. Nehme erstmal alle Batterien raus, damit das Tuuten aufhört.
Kann dann nicht wieder einschlafen. Bei dem Gedanken, wenn es ausgerechnet jetzt brennt, wo ich alle Batterien rausgenommen habe, kann ich nicht mehr einschlafen. Wenn ich aber die Batterien wieder reinmache, kann ich wegen des Tuutens nicht wieder einschlafen. Eine klassische Lose-Lose-Situation. Sitze den Rest der Nacht wach vor den Rauchmeldern und Wache persönlich darüber, dass es nicht brennt.
… … …

(Den Schluss lasse ich hier weg, wird sonst zu lang für die Homepage)

Warum Körperteilprothesen? (20. 9. 2011)

Mittwochnachmittag. Sitze in München im Warteraum des Kulturradios vom bayrischen Rundfunk. Soll gleich interviewt werden. Im Kulturradio. Im Warteraum gibt es wlan. Habe deshalb meinen Laptop an und nutze die Wartezeit, um nach mails zu gucken. Habe unter anderem eine Werbemail für Körperteilprothesen. Bein- Arm- oder auch Hüftprothesen seien im Moment so günstig und so gut, wie noch nie. Ich solle jetzt zuschlagen. Denke seltsam, warum sollte sich jemand Beinprothesen auf Vorrat und im Internet kaufen? Und vor allem, wieso schicken die mir das?
Die Moderatorin, eine sehr charmante, hochintelligente, schöne Frau von Mitte 50 kommt herein. ich kenne sie schon vom vorbereitenden Telefongespräch. Sie fragt, ob sie sich vor dem Interview schnell nochmal irgendeinen Ausschnitt oder so von mir auf auf meinem Computer ansehen dürfe. Ich sage klar und gehe noch schnell auf Toilette. Als ich wiederkomme ist die Frau wie verwandelt, schaut mich gleichzeitig versteinert, aber auch irritiert fragend an, sagt allerdings nichts. Dann beginnt die Sendung.
In meinem Kopf rattert es. Was kann passiert sein? Ist irgendetwas auf oder in dem Computer, was sie so verstört haben kann? Eigentlich nicht.
Doch dann schon bei ihrer zweiten Frage wird mir plötzlich alles klar.

Es war ungefähr im Herbst des letzten Jahres als Frau Merkel und Herr Seehofer plötzlich die recht absurde These „Multikulti sei tot“ vertraten. Da ich zu der Zeit mit Freunden einen kabarettistischen Jahresrückblick vorbereitet habe, hatte ich die hübsche Idee dieses Thema, also „Multikulti ist tot“ mit einem Medley aus guten alten deutschen Märschen à la „Wir wollen unsern alten Kaiser Wilhelm wiederhaben!“ zu behandeln.
Das Medley wurde schön, der Jahresrückblick ein grosser Spass und alles wäre gut gewesen, hätte ich nicht zur Recherche für das Medley eine Woche lang auf Youtube jeden Tag mehrere Stunden alle möglichen deutschen Militärmärsche gehört.
Seitdem leuchtet in meinem Nutzerprofil jedesmal wenn ich Youtube starte, sie könnten sich auch interessieren für:
Die Waffen SS, Wehrmacht Erika, alte Kameraden und so weiter
Damit erklärt sich wohl auch die Frage der Moderatorin:
Und welche Musik hören Sie so?
Das Gespräch nahm dann einen recht eigenartigen Verlauf. Ich erklärte alles, sie erzählte, dass in ihrem Nutzerprofil wegen ihres Enkels immer Rammstein und Marilyn Manson auftauchen. Sie setzt das aber gerne gezielt ein, um Kollegen in der Kulturredaktion zu verwirren. Außerdem schaue ihre jüngste 5jährige Enkelin jetzt auch gerne auf ihrem Computer Videos vom Ritter Rost, fiesen Pinguinen oder pupsenden Dinosauriern. Die Schnittmenge aus Rammstein und pupsenden Dinosauriern seien übrigens in ihrem Nutzerprofil überraschenderweise jetzt Redeausschnitte von Edmund Stoiber. Warum wisse sie allerdings auch nicht.
Aber interessant sei das natürlich in jedem Falle.
Wahrscheinlich wird es diese Nutzerprofile in Kürze schon für alle Bereiche des alltäglichen Lebens geben. Also beim Essen, auf Lebensmitteln zum Beispiel:
Kunden, denen diese Sahnetorte geschmeckt hat, könnten sich auch interessieren für Rumschokolade, frittierten Fisch oder Eisbein mit Sauerkraut.
Oder im Supermarkt, wenn an der Rotweinflasche schon direkt steht:
Wird häufig zusammengekauft mit Aspirin plus C-Grosspackung
Oder am sinnvollsten natürlich bei Beziehungen oder entstehenden Beziehungen: Nutzerinnen, die mit Stefan auswaren, interessierten sich auch für Martin, Jochen, Rudolf und Sebastian.
Wobei da dann natürlich auch Kundenbewertungen interessant wären.
Am Ende unseres Radiointerviews haben wir dann sogar noch herausgefunden, warum ich plötzlich so häufig Werbung für Körperteilprothesen erhalte.
Menschen, die ein großes Interesse an Weltkriegen und allem was damit zusammenhängt haben, haben eben auch überdurchschnittlich häufig Bedarf an künstlichen Körperteilen. So gesehen ist ja eigentlich alles logisch.

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